Manfred Böhmer - Nds.Beratungsstelle für Sinti und Roma e.V.

Niedersächsische Beratungsstelle für Sinti und Roma e.V.
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Bundesverdienstkreuz am Bande für Manfred Böhmer

Am 20.07.2016 wurde im Rathaus Osnabrück unserem 1. Vorsitzenden ( Manfred Böhmer ) das Bundesverdienstkreuz am Bande  der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Hier ein Bericht der Osnabrücker Zeitung mit einem Artikel von Johanna Lügermann.

Osnabrück

Seit Jahrzehnten kämpft Manfred Böhmer für die gesellschaftliche Anerkennung von Sinti und für Entschädigungen für Holocaust-Überlebende. Am Mittwoch überreichte ihm Osnabrücks Oberbürgermeister Wolfgang Griesert für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz am Bande.




„Es war ein mühsamer Weg mit viel Gegenwind“, sagte Böhmer. Der Osnabrücker setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, dass Sinti in der Gesellschaft anerkannt werden und dass Holocaust-Überlebende entschädigt werden. Viele Mitglieder seiner eigenen Familie sind von Nationalsozialisten getötet worden. „Das hat mich schon früh dazu gebracht, kein toter Fisch zu sein, sondern gegen den Strom schwimmen“, sagte Böhmer. Und er wolle weiter kämpfen, denn Sinti erlebten auch heute noch Diskriminierung.

Eine Leidensgemeinschaft

Als Laudator war Michael Fürst gekommen, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Niedersachsens. Die beiden haben jahrelang gemeinsam gearbeitet. „Aus der formellen Bekanntschaft wurde schnell Freundschaft“, sagte Fürst, und so sei er ganz besonders stolz, bei einem Ereignis dabei zu sein, dass sich vor 100 Jahren niemand hätte vorstellen können: „Ein Jude kommt zur Verleihung eines Ordens an einen Zigeuner“ – den Begriff „Zigeuner“ habe er bewusst gewählt, denn auch Juden hätten Sinti und Roma früher so bezeichnet.

Während des Nationalsozialismus seien Juden und Sinti dann in einer Leidensgemeinschaft vereint gewesen. Fürst: „Der einzige Unterschied war, dass die Juden eine anerkannte Größe waren.“ Und auch nach 1945 hätten Juden im Gegensatz zu Sinti mächtige internationale Fürsprecher gehabt, die sich in Deutschland für ihre Interessen einsetzten. Bewundernswert sei es, wie Böhmer immer bewusst als Sinto aufgetreten sei und deshalb häufig einen Spießrutenlauf mitgemacht habe.

Abbau von Vorurteilen

Oberbürgermeister Wolfgang Griesert dankte Böhmer für seine „unermesslich wertvolle Beiträge zum Abbau von Vorurteilen“. Böhmer sei ein gefragter Gesprächspartner bei der Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus und bei der Entwicklung einer lebendigen Erinnerungskultur. Bis in die Achtzigerjahre sei die Verfolgung der Sinti ein regelrechtes Tabuthema gewesen, aber Böhmer habe sich bereits damals für diese Volksgruppe eingesetzt.
12.000 Sinti in NiedersachsenSeit 1984 ist Böhmer Vorsitzender des Niedersächsischen Verbandes Deutscher Sinti, der nach eigenen Angaben etwa 12.000 Menschen vertritt. Sein Engagement begann bereits in den Sechzigerjahren. Böhmer setzte sich für die Auflösung von Lagern ein, zunächst in Leer und dann in Osnabrück. „Die Sinti wurden vom Konzentrationslager in ein anderes Lager gebracht, das war wirklich eine schreckliche Zeit, die ich mit Worten gar nicht beschreiben kann“, sagte Böhmer. Dass viele Entschädigungsansprüche nicht anerkannt wurden, sei noch hinzugekommen.

Bis heute hilft Böhmer im Verband Deutscher Sinti mit rechtlicher Beratung, aber auch bei der Existenzgründung und -sicherung.  – „Sinti bis heute diskriminiert“




(eb/pr) Osnabrück, 26. Juli 2016 /

Michael Fürst (l.) und Oberbürgermeister Wolfgang Griesert (r.) umrahmen den frisch geehrten Manfred Böhmer. © für Abbildung: PR; Quelle: Stadt OS; Aufnahme: Sven Jürgensen


Vielen Osnabrückern ist Manfred Böhmer als "die Stimme der Sinti und Roma" bekannt: Jedes Jahr spricht Manfred Böhmer am Tag der Erinnerung zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und erinnert an die Vernichtung vieler Angehöriger seines Volkes. Jetzt hat Bundespräsident Joachim Gauck dem Vorsitzenden des Niedersächsischen Verbandes deutscher Sinti das Bundesverdienstkreuz verliehen. Es wurde ihm jetzt von Oberbürgermeister Wolfgang Griesert im Friedenssaal des historischen Rathauses ausgehändigt.

Für diese Ehrung wurde er von einem "Leidensgenossen" vorgeschlagen - Michael Fürst, Präsident des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Niedersachsens. "Durch Ihr beider Engagement haben die jüdischen Gemeinden und die Sinti und Roma  ihre Gemeinsamkeiten entdeckt und füreinander Verständnis gewonnen. So sind Sie und Herr Böhmer zu treuen Weggefährten auf einem oftmals sehr steinigen Weg geworden", meinte Griesert zu Böhmer und Fürst.
 
Griesert erinnerte in seiner Rede daran, dass bis in die 80-er Jahre die Vernichtung von rund einer halben Million Sinti und Roma durch das nationalsozialistische Schreckensregime in der Bundesrepublik Deutschland ein Tabuthema geblieben sei. Aber schon damals habe sich Böhmer für die Belange und Rechte seiner Volksgruppe eingesetzt. "Sie gehörten 1979 zum Vorstand des Vereins 'Europäisches Zigeunerforum Osnabrück'. 1980 wurde daraus das "Sinti-Forum Osnabrück' mit Ihnen als Vorsitzendem. Dieses Forum leistete mit Nachdruck Antidiskriminierungsarbeit und setzte sich für eine Verbesserung der Wohnsituation der Sinti-Familien ein, die insbesondere im Stadtteil Hafen, in der Sandgrube und in der Fritz-Reuter-Straße unter prekären Verhältnissen lebten. Wenn Sie heute, sehr geehrter Herr Böhmer, als Vorsitzender des Niedersächsischen Verbandes Deutscher Sinti die Interessen von 12.000 Sinti vertreten, so sind Sie in unserer Stadt ein gefragter Gesprächspartner bei der Aufarbeitung der Verbrechen der Nazizeit und bei der Gestaltung einer lebendigen Erinnerungskultur. Dazu gehört nicht nur das regelmäßige gemeinsame Gedenken an die Folgen des Holocaust am 27. Januar, sondern auch die Verlegung der sogenannten Stolpersteine in Erinnerung an die durch die Nationalsozialisten ermordeten Osnabrücker Sinti".

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